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Luther's Own Statements - His Teaching and its Results

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Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

In nomine + Patris, et + Filii, et Spiritus + Sancti. Amen.

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  • 3 years later...

„Reformation verantwortlich für eines der größten Übel unserer Welt: die Selbstliebe“

Die bekanntestes progressive Zeitschrift Italiens, die Dehonianer-Schrift Il Regno (Das Reich) veröffentlichte ein Interview mit Vannini.

Marco Vannini: „Meine Beschäftigung mit Luther-Texten geht auf meine Jugend zurück; dann bin ich zu meinem Hauptinteresse übergegangen: die vor- und nach-protestantische, deutsche Mystik. Die Polemik gegen Luther ist heute sicher ‚nicht aktuell‘, weil meines Erachtens die katholische oder ex-katholische Welt sich die Thesen, Tendenzen und Seinsweisen der protestantischen, lutherischen Welt zu eigen gemacht hat. Das Luthertum und die Reformation generell sind verantwortlich für eines der größten Übel unserer Welt: den Individualismus, den Primat des Subjekts, der die Selbstliebe in den Mittelpunkt stellt, die radix omnis mali et peccati ist, die Wurzel aller Übel und Sünden, wie der heilige Augustinus sagte und es von Meister Eckart mehrfach wiederholt wurde. Das ist der Grund für meine Ablehnung des Luthertums. Es ist kein Zufall, daß Luther von den selbsternannten Laizisten, die weder eine Zuneigung für Christus noch für das Christentum haben, so geliebt wird.“

An einer anderen Stelle des Interviews sagte Vannini zu Luther:

Marco Vannini: „Sie verlieren wirklich nicht den Gebrauch, den Luther nach seinem Gefallen von der Schrift machte, um beispielsweise einen Text absolut als Wort Gottes zu definieren, indem er ihn von allem anderen trennt, oder wenn er aus der Schrift das nimmt, was ihm nützt und den Rest wegwirft. Als ich vor Jahren die Vorwörter zur Luther-Bibel studierte, fand ich seine Manipulationen gegen den Papst unerträglich.“

Und weiter:

Marco Vannini: „Das wahre Evangelium besteht darin, daß das Licht Gottes, das ewige Licht, immer und in jedem Fall auf jedem Menschen ruht. In Luther finde ich hingegen etwas Diabolisches, es herrscht ein Geist der Lüge, der mit dem Edlen des Geistes, mit der Wahrheit und der tiefen Ehrlichkeit kontrastiert, den man beim Lesen der großen Philosophen atmet. Wenn Luther gegen die große Philosophie auftritt, die er als „Hure des Teufels“ bezeichnet, spüre ich eine radikale Feindseligkeit: Hier ist sein falsches Evangelium stark spürbar. Es ist falsch, weil es nicht der Welt der Vernunft entspringt, dem Kostbarsten was wir besitzen, sondern das Ergebnis seiner speziellen Auswahl ist.“

 

Marco Vannini

 

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Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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„Wider den Türken streiten, heißt wider Gott streiten“, war übrigens eine von Luthers Thesen, die von Papst Leo X. 1520 mit der Bannandrohungsbulle Exsurge Domine verurteilt wurde. Luther widerrief nicht, sondern verbrannte hochmütig die Bulle in aller Öffentlichkeit. Eine Geste, die in manchen protestantischen und kirchenfernen Kreisen noch heute wie eine Heldentat gefeiert wird – denn gelesen hat die Bulle ja keiner.

 

 

Martin Luther in načela njegove teologije

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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Der „Kampf mit Gott“ und das schlechte Gewissen

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Martin Luther war mit Gott und mit sich nicht im Reinen. Daraus folgte alles andere.

Luther, „als Student ein lebenslustiger Bursche“ (13) und höchstwahrscheinlich Vater unehelicher Kinder (11), versuchte mit seinem Klostereintritt vor den juristischen und psychologischen Konsequenzen eines Vergehens zu fliehen, nämlich der Tötung eines Kommilitonen im (bei Todesstrafe verbotenen) Duell. Der Eintritt ins Kloster war somit nicht innerlich frei vollzogen und daher Anlaß zu großem Seelenleid. Um dieses herum baute Luther seine Theologie.

Sie bestand aus Selbstrechtfertigungen, Projektionen, Ausreden und Anklagen.

Hier kommen wir in eine Problematik, die heutzutage endemisch geworden ist, nämlich das Abwälzen eigener Schuld und die damit verbundenen Rationalisierungen und sonstigen Verrenkungen, die in weiterer Folge nach einer Rechtfertigung des Menschen an sich streben („Anthropodizee“):

„Luther wollte, wer könnte es ihm verargen, wieder frei sein, er wollte eine Schuld loswerden, die er wahrscheinlich nie als die eigene angenommen hat, und über die er nie zu einer echten Reue gekommen ist“ (18).

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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„Wenn es mir gelingt, die Messe abzuschaffen, dann glaube ich, den Papst gänzlich besiegt zu haben.“

Martin Luther, Werke, Weimarer Ausgabe (WA) 10, 2, 220 (Schriften 1522).

 

                                        "Der Türck ist Luthers Glück" - Martin Luther und der Islam (Bild: Süleyman I.)

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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Vereinnahmung Luthers für den jeweiligen Zeitgeist – auch heute

Luthertag 1933 Luthertag 1933

Auf dem Wartburgfest 1817 wurde Luther als deutscher Nationalheld gefeiert. Er befeuerte insbesondere den Kampf um die nationale Einigung gegen den „Teufel Napoleon“. 1883 zu Luthers 400. Geburtstag avancierte der Reformator zum Gründungsvater der deutschen Nation, die in der Konstituierung des Deutschen Reiches nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 vollendet wurde. 1917 wurde Luthers unbeugsamer Kampfeswillen beschworen, um die Deutschen in einer Zeit großer Not zu retten: „Du stehst am Amboss, Lutherheld. Und wir, Alldeutschland, sind deine Schmiedehelfer.“ Im Lutherjahr 1933 feierte die Mehrheit der Protestanten als  „Deutsche Christen“ Luther als den gottgesandten Vorboten des Führers. „Gott hat uns den Führer geschenkt“, schallte es von protestantischen Kanzeln, „und Martin Luther lehrt uns den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit.“

1983 hatte das Martin-Luther-Komitee unter dem Vorsitz von Erich Honecker Historiker beauftragt, die Relevanz des Reformators für die DDR herauszustellen. In 15 Thesen kamen sie zum Ergebnis:  Martin Luther habe entscheidend zur frühbürgerlichen Revolution gegen die reaktionäre Kräfte von Feudalismus und Kirche beigetragen. Luthers progressives Erbe sei aufgehoben in der sozialistischen deutschen Nationalkultur. Die protestantischen Christen brächten mit Berufung auf Martin Luther ihr Engagement für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Fortschritt in das sozialistische Gemeinwesen ein – wie auch für die fortschrittlichen Bewegungen auf der ganzen Welt.

450 Jahre lang forderten  die Repräsentanten von Thron und Altar oder Führer und Pfarrer in Luthers Namen die jeweils politischen Ziele ein. Auch 2017 gibt es einen Schulterschluss zwischen Staat und Protestantismus zur gemeinsamen Lutherverwertung. Heuer wird Luther für die aktuell propagierten Werte wie Freiheit und Toleranz, Demokratie und Grundrechte in Anspruch genommen.

Die neue Rechtfertigungslehre vom legendarischen Luther

Honecker mit Martin-Luther-Komitee Honecker mit Martin-Luther-Komitee (1980)

Für das Problem, dass diese Prinzipien mit dem historischen Luther absolut nichts zu tun haben, hat die EKD selbst eine verblüffende Lösung parat. In ihrem offiziellen Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“ schreiben die Autoren in bemerkenswerter Offenheit: „Jubiläen rekonstruieren nicht einfach Gewesenes, sondern schreiben es in allgemeine Erzählungen ein, die aktuelle Relevanz beanspruchen dürfen.“ Von hinten gelesen bedeutet der Satz: Die heutigen relevanten Themen werden so in eine rückblendende Erzählung eingebaut, dass am historischen Ende des Narrativs immer der Reformator am Anfang steht. So ist dann auch die Unterschrift zu dem Luther-Logo zu verstehen: „Am Anfang war das Wort“ – das fabelhafte vom postfaktischen Luther.

Die politischen Repräsentanten haben die moderne protestantische Rechtfertigungslehre vom legendarischen Luther als Urknall der neuzeitlichen Freiheitsentwicklung dankbar aufgenommen. Denn so bietet das aktuelle Luther-Jubiläum die einmalige Chance, einen neuen Nationalmythos zu konstruieren.

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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Hexenpredigt von Martin Luther

Martin Luther und tausend Mythen. Ein Mann für jeden Zeitgeist?

über 2. Mose 22 Vers 17 (Ex. 22,17 „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“) im Frühjahr 1526, zwischen dem 11. März und 6. Mai 1526, mitgeschrieben von Johannes Bugenhagen, Luthers engstem Mitarbeiter:

Von der Zauberin.
Dies schreibt auch das kaiserliche Recht vor. Warum nennt das Gesetz hier eher Frauen als Männer, obwohl doch auch Männer dagegen verstoßen? Weil Frauen mehr als jene durch Verführungen (superstitionibus) dem Satan unterworfen sind. Wie Eva. Der Volksmund nennt sie die Weisen Frauen. Sie sollen getötet werden. Jede von ihnen missbraucht die Sakramente der Christen. Sie sagen nämlich: ich beschwöre dich beim Schwert, welches das Herz Marias durchdrang, bei den Dornen Christi, bei den vier Evangelisten. Uns Christen wurde gesagt: Wenn euch etwas fehlt, erbittet es durch euren Glauben, erbittet Körperliches und Ewiges. Wenn ihr es nicht sofort erhaltet, wartet, handelt nicht mit Satan, macht Gott keine Vorschriften, so wie die Zauberinnen. Eine Zauberin bestimmt eine gewisse Zeit, Person, Ort, und sagt: „Dort findest du einen Frosch, Haare, Totenknochen, im Bett, in deinem schmerzenden Bein, wenn du das nicht entfernst, nicht ausgräbst, wird dir keine Gesundheit zuteil, wirst du nicht sehen“ usw. Hier sagen die Dummen: „Bei meiner Seele, so hab ich`s gefunden!“ als ob es der Satan nicht ganz leicht so hinlegen oder dir ins Bein hineinstoßen könnte, wie du nämlich glaubst, so geschieht dir.

Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus dem Haus stehlen, indem sie es aus einem Handtuch, einem Tisch, einem Griff melken, das ein oder andere gute Wort sprechen und an eine Kuh denken. Und der Teufel bringt Milch und Butter zum gemolkenen Instrument. Sie können ein Kind verzaubern, dass es ständig schreit und nicht isst, nicht schläft usw. Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird. Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten.

Ein Heilmittel aber ist etwas anderes: die Natur freilich, nicht ein Dämon. Wenn du den Kräutern Kräfte beifügst durch deine Worte oder einen Segen mit einem „Vater unser“ oder dem Angelus-Gebet, ist es ein Dämon. Die Natur Gottes ist es, durch welche die Brennnessel brennt, das Wasser nass macht. Manche Kräuter sind heilsam. Wenn aber deine Worte nötig sind, ist es ein Dämon, nicht die Natur. Dieses Gesetz von den Zauberinnen muss man dem zugefügten Schaden beistellen. Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstung im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann und dass danach im Bein Haare, Kohle usw. gefunden werden, die oft von anderen Zauberinnen erkannt werden, so dass richtig gesagt wird: Wo der Satan nicht hinkommt, kommt sein Weib hin, d.h. seine Zauberin.

 

Weil der Fürst der Welt, Satan, keine Kreatur erschaffen kann, freut es ihn, alles zu verderben, wenn er es kann; er würde der Kuh nicht erlauben einen Schwanz zu haben, wie ein zorniger Mensch seine Tyrannei ausübt. Er kann kein Gift herstellen oder Eisen, aber er missbraucht dies zum Töten. Und so zerstört der Teufel durch die Geschöpfe, was er kann, wenn Gott es erlaubt. Wo aber gute Christen sind, kann er nicht gegen jene wie gegen Ungläubige, denen es geschieht, dass sie glauben, vorgehen, außer wenn Gott ihnen schaden will als Prüfung, wie bei Hiob.

Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder. Sonst verachten sie jenes, als ob die Zauberinnen es nicht könnten, aber tatsächlich können sie es. Mit diesen Überlegungen wirst du nichts erreichen gegen sie, jedoch mit festem Glauben. Der Teufel könnte morgen die Elbe über unsere Stadt ergießen, alle Bäume ausreißen, doch Gott erlaubt es ihm nicht; manchmal erlaubt er etwas, damit wir sehen, was er vermag, damit wir nicht aufhören, ihn anzurufen. Aus diesem Gesetz ist gerade das Recht, das wir gegen die Zauberinnen gebrauchen. Ein mir bekannter Prediger hat es sehr verachtet, darüber zu predigen, als ob sie solche nicht könnten, aber er starb an einem Venefizium. Also ist gegen sie nicht mit Verachtung, sondern mit dem Schwert oder festem Glauben vorzugehen. Sie schaden mannigfaltig, also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch weil sie Umgang mit dem Satan haben…1

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

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  • 1 month later...

Erasmus von Rotterdam und der fünfzehn Jahre jüngere Martin Luther hatten in ihrer ersten Lebenshälfte einige Gemeinsamkeiten: Sie traten in jungen Jahren dem Augustinerorden bei, studierten Theologie und wurden zum Priester geweiht. Beide kritisierten eine in Teilen veräußerlichte Kirchenpraxis bei Klerikern und Gläubigen. Im Eintreten für eine Reform der Kirche kehrten sie ihren Klöstern den Rücken. Beide wurden sehr bekannt aufgrund ihrer Buch-Publikationen. Von Erasmus sind 150 Bücher gedruckt worden, von Luther ein Vielfaches davon. Der Humanist schrieb in elegantem Latein und somit für die Gebildeten seiner Zeit in ganz Europa. Luther publizierte darüber hinaus auch in Deutsch und erreichte somit weitere Volksschichten. Damit sind aber die Gemeinsamkeiten der Protagonisten ausgeschöpft.

Von Askese zu Völlerei

Die Gegensätze zwischen Erasmus und Luther auf verschiedenen Ebenen waren dagegen sehr deutlich. Martin Luther war ein Mensch der Extreme: In seinen Klosterjahren führte er gegen Rat und Vorschrift seiner Oberen ein skrupulöses Mönchsleben mit übertriebener Strenge und Askese, Bußwerken und ständigem Beichten. Mit seinem semi-pelagianischen Buß-Streben fand er keine Heilgewissheit. In seinem späteren Leben trieb er es ins andere Extrem mit Ausschweifungen, Trunkenheit und Völlerei –  gegen den Verweis vom Apostel Paulus im Galaterbrief. Schon bei Luthers Reise nach Worms 1521 war aus dem „mageren Augustiner“ ein prassender Geselle geworden. „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt“ – so Luther 1540. Er starb 1546 selbstbezeichnet als „feister Doktor“.

Körperloser Geistesarbeiter und kraftstrotzender Emotionsschreiber

Desiderius Erasmus 1517, gemalt von Quinten Massys Desiderius Erasmus 1517, gemalt von Quinten Massys

Den geistig reichen Erasmus hatte die Natur nur ärmlich ausgestattet mit einem schmalen, empfindlichen Körper, schreibt Stefan Zweig in seiner Romanbiografie. Seine stubenfarbene Haut fältete sich im Alter wie meliertes Pergament. Einer Kielfeder gleich sprang die Nase aus dem Vogelgesicht hervor über schmal geschnittene Lippen mit tonloser Stimme. Nur die Augen verrieten mit ihrer Leuchtkraft einen wachen und ständig arbeitenden Geist: die wahre Vitalität des Erasmus. In seiner reflexiven Geistesarbeit zeigte sich die Kontinuitätsachse seines Lebens: Lesen, Lernzuwachs, Schreiben – täglich bis zu zwanzig Stunden.

Bei Luther dagegen war das Schreiben ein quasi körperunterstützter Vorgang, durchlebt und durchlitten, mit den Füßen stampfend, mit der Faust schreibend und den Zähnen malmend, manchmal mit Schaum vor dem Mund. Seine Emotionen von Angst und Zorn, Entschlossenheit und Kampfgeist formten seine Worte und Sätze gelegentlich wie Hammerschläge und Giftpfeile. So entwickelte und beherrschte er zahlreiche Stilgattungen: Erbauungsliteratur, geistliche Lieder, Predigten, geschliffene Argumentationsschriften, scharfe Polemiken, Schmäh-Schriften, Beleidigungsbriefe und vernichtende Pamphlete.

Devote Schmeicheleien und demagogischer Tonfall

Er konnte aus taktischen Gründen einen sehr devoten Ton auflegen – so in seinem „Sendschreiben an Papst Leo X.“ vom Oktober 1520, nachdem er das Papsttum schon mehrfach als teuflischen Antichristen gebrandmarkt hatte. In ähnlich schmeichlerischer Höflichkeit und übertriebenen Selbstherabsetzung hatte Luther im März 1519 ein Bittschreiben an Erasmus gerichtet. Es ging ihm darum, dass der damals schon hochberühmte und europaweit geachtete Humanist „den kleinen Bruder in Christo anerkenne“, also ein Wort der Zustimmung zu Luthers Kirchen-Rebellion ausspreche.

Erasmus äußerte in internen Gesprächen durchaus Sympathien für Luthers Reformanforderungen. Aber von Anfang an tadelte er den demagogischen Tonfall und fanatischen Akzent von dessen Reden und Schriften. In seinem Antwortbrief verwies Erasmus darauf, dass durch wissenschaftliche Klärung und kluge Zurückhaltung im aktuellen Parteienstreit mehr erreicht werde als durch ungestüme Einmengung: „So hat Christus die Welt unterworfen.“ Dringlich ermahnte er Luther zur Mäßigung und endete den Brief mit dem Wunsch, Christus möge Luther täglich mehr von seinem (sanftmütigen) Geiste verleihen.

Erasmus’ Mahnung zur Mäßigung prallte an beiden Parteien ab

Die Mahnung zur Mäßigung sollte der maßlose Macher- und Machtmensch Luther als Kränkung empfinden, die Aufforderung zur Zurückhaltung war dem cholerischen Tatmenschen eine Provokation. Gänzlich irritierend musste für den stolzen Wittenberger der Hinweis auf demütige Gesinnung aus dem Geiste Christi sein. Zwar hatte Luther in seinen ersten Lehrjahren genau diese Methode des Erasmus gelehrt: Wahrheit könne nur mit Demut erreicht werden. Doch inzwischen war er in einer Kehrtwende auf dem Weg zu einer „sanctissima superbia“. In seiner überheblichen Wahrheitsgewissheit spielte er sich in „heiligem Hochmut“ gegenüber seinen papistischen Gegnern auf.

Nach dieser maßvollen Absage schienen die Wege getrennt zu sein: Luther ging seinen Weg, das kommende Drama in seinem Sinne zu gestalten. Erasmus hoffte in diesem Parteienstreit Zuschauer oder wenigstens Schlichter sein zu können. Er warnte Papst, Bischöfe und Fürsten vor übereilter Härte: „Nicht jeder Irrtum ist schon eine Ketzerei, die nach dem Scheiterhaufen schreit.“ Den Wittenberger mahnte er unermüdlich, auf nicht so aufrührerische und „unevangelische Weise das Evangelium zu verkünden“. Doch auf beiden Seiten setzten sich die Falken durch. Auf dem Reichstag zu Worms sollte von Kaiser und Kirche der Stab über Luther gebrochen werden. Viele Fürsten waren ebenso entschlossen, den beiden europäischen Zentralmächten Steine in den Weg zu legen.

In dieser Situation erwuchs Erasmus unerwartet eine Vermittlerrolle zu. Friedrich von Sachsen, kirchenfromm und Reliquiensammler, aber Schirmherr Luthers, fragte Erasmus um Rat zur Lehre Luthers.  Der antwortete entsprechend seiner ausgleichend-prüfenden Art: Luther sollte öffentlich von gerechten, freien und unverdächtigen Richtern gehört und seine Bücher nicht vorher verbrannt werden. Diese Antwort machten sich Friedrich von Sachsen und andere mit Luther sympathisierende Fürsten zu eigen. Sie protestierten damit gegen den Standpunkt Roms und des Kaisers. Doch die blieben bei ihrer Forderung nach Widerruf oder Ächtung – genauso wie Luther ein Einlenken kategorisch ablehnte.

Die Tragik des humanistischen Vermittlers

Damit war die drohende Spaltung vollzogen und sie vertiefte sich noch. Denn der Kaiser war wegen auswärtiger Kriegspflichten zu schwach, um als weltlicher Arm die kirchliche Verurteilung durchzusetzen. Viele Fürsten andererseits fühlten sich bestärkt in ihrem Widerstand gegen Kaiser und Rom. Unter den gegebenen Verhältnissen hatte Erasmus ungewollt der Partei Luthers Vorschub geleistet. Er hat es später bedauert, nicht persönlich in Worms sein hohes Ansehen in die Waagschale der Entscheidung eingebracht zu haben. Aber weltgeschichtliche Stunden lassen sich nicht nachträglich einholen, resümiert Stefan Zweig. Der Standpunkt des Ausgleichens zeitigte in diesem zugleich kirchlichen und politischen Prozess ein tragisches Ergebnis für den Humanisten Erasmus. Fortan wurde er von katholischen Universitäten wie etwa Löwen als Anstifter der „Lutherpest“ beschimpft oder von protestantischer Seite als lau, schwankend und unentschlossen getadelt.

Luther und Erasmus (Buch der Gustav-Siewerth-Akademie) Luther und Erasmus (Buch der Gustav-Siewerth-Akademie)

Der Biograf Zweig fasst zusammen: „Erasmus kann die Papstkirche nicht aufrichtigen Herzens verteidigen, weil er als Erster in diesem Streite ihre Missbräuche gerügt, ihre Erneuerung gefordert hatte.“ Doch dann musste er erkennen, dass die von ihm und anderen Humanisten gerügten Veräußerlichungen der Kirche keine innere Reform hervorgebracht hatte. Wer keine Reliquien verehrte, wurde dadurch noch lange kein besserer Christ.

Bald wurde seine Distanz zu Luthers Lehren größer als seine kritische Haltung zur Kirche. Insbesondere erregt sein Abscheu, dass Luther und seine Anhänger nicht „die Idee seines Friedens-Christus in die Welt tragen, sondern zu wüsten Eiferern geworden sind“ – so Stephan Zweig. Erasmus bleibt bei seiner kritischen Loyalität zur römisch-katholischen Kirche: „In Luthers Kirche hätte ich eine der Koryphäen sein können, aber ich wollte lieber den Hass ganz Deutschlands auf mich ziehen, als mich von der Gemeinschaft der Kirche zu trennen.“

Der Humanist wurde zu einem frühen Kritiker der protestantischen Bewegung:

„Sie schreien unablässig Evangelium, Evangelium! Dessen Ausleger wollen sie aber selber sein. Einst machte das Evangelium die Wilden sanft, die Räuber wohltätig, die Händelsüchtigen friedfertig, die Fluchenden zu Segnenden. Diese aber, wie Besessene, fangen allerhand Aufruhr an und reden den Wohlverdienten Böses nach. Ich sehe neue Heuchler, neue Tyrannen, aber nicht einen Funken evangelischen Geistes.“

Luther forderte Erasmus zur Stellungnahme heraus

Erasmus über den freien Willen Erasmus über den freien Willen

Luther reagierte auf diese Einlassungen gewohnt streitsüchtig. Er schrieb 1522 an einen Freund: „Die Wahrheit ist mächtiger als die Beredsamkeit, der Glaube größer als die Gelehrsamkeit. Sollte es Erasmus wagen, mich anzugreifen, so würde er erfahren, dass Christus sich weder vor den Pforten der Hölle noch vor den Mächten der Luft fürchtet.“ Der Wittenberger strotzte vor Selbstbewusstsein, wenn er die Wahrheit, den wahren Glauben und selbst Christus mit sich und seinem Handeln identifizierte. Als er ein Jahr später ein persönliches Schreiben an Erasmus richtete, war sein Tonfall ähnlich überheblich und herablassend: Wenn er schon nicht den Mut habe, an der Seite Luthers gegen „das Ungeheuer der Papstkirche“ zu kämpfen, dann solle er sich in den Streit nicht einmischen. Und wenn er es doch tue, bedeute es keine Gefahr mehr für ihn.

Trotz der hochfahrenden Art und des demütigenden Brief-Inhalts ließ sich Erasmus nicht dazu hinreißen, in gleicher Weise auf Luther einzugehen. Er wählte für die Auseinandersetzung die Form einer philosophisch-theologischen Erörterung über den freien Willen. Luther musste nach der Veröffentlichung der Schrift „De libero arbitrio“ von 1524 zugeben, dass Erasmus der einzige von allen Widersachern sei, der den Nerv seiner Sache erkannt habe.

Luthers Extreme waren seine Schwachpunkt

Luthers dogmatische Lehre hatte zwei Eckpunkte, die sich gegenseitig bedingten: Die totale, unheilbare Verderbtheit der Menschen könnte niemals irgendwelche guten Werke bewirken und daher seien sie zu ihrer Rechtfertigung allein und völlig auf die Gnade Gottes angewiesen. Der Mensch werde von Natur aus und auch nach der Taufe stets „vom Teufel geritten“ und nur der Glaube mache ihn zum Reittier Gottes. In diesem Konzept durfte kein Platz für den freien Willen sein, denn der hätte menschliches Mühen, Reue, Besserung und insbesondere heilsbedeutsame gute Werke nach sich gezogen, die die alleinige Gnadenwirkung beeinträchtigten. Luthers Position zum unfreien Willen war die Grundlage für seinen Kampf gegen die katholische Lehre vom Zusammenwirken von Natur und Gnade, von Glauben und Werken.

Erasmus entfaltete die katholische Lehre

Erasmus fasste Luthers Theorem so zusammen: Der Mensch sei unfähig, die Gebote Gottes zu erfüllen, da alle vermeintlich guten Werke nur Verdammnis brächten. Dagegen führt er eine große Zahl von philosophisch-theologischen Autoritäten an wie auch die Mehrzahl der einschlägigen Bibelstellen. Erasmus behandelte die biblischen Aussagen und erörterte die klassischen Argumentationen von Kirchenlehrern und Theologen. Sein Ergebnis formulierte er wie immer abgewogen und moderat: Der freie Wille stehe nicht im Widerspruch zur göttlichen Gnade, sondern in einem graduellen Verhältnis:

„Ich billige die Überzeugung jener, die dem Willen einiges zuschreiben, aber der Gnade das meiste.“

Das umschreibt die Position der kirchlichen Theologen und Konzilien seit jeher und so wurde es im Konzil von Trient dogmatisiert.

Perverser Sündenstolz ohne Scham und Reue

Nach der Lektüre von Erasmus’ Buch zeigt Luther sogleich seinen verächtlichen Respekt: „Während ich mir mit den Büchern meiner anderen Gegner den H.… auswische, habe ich diese Schrift ausgelesen, aber doch hinter die Bank geworfen.“ Denn zunächst hatte er 1524 an anderen Fronten zu kämpfen. Mit seinem blutrünstigen Pamphlet gegen die kämpfenden Bauern stellt er sich endgültig auf die Seite der Fürsten und Grundherren gegen das Volk: „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel mit Gewalt regiert werden.“ Nachdem die Felder in Württemberg und Thüringen mit dem Blut der hingeschlachteten Bauern getränkt waren, gab er das grausige Bekenntnis ab: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich habe sie heißen totschlagen: All ihr Blut ist auf meinem Hals.“

In diesem hybriden Sündenstolz ohne Scham und Reue zeigten sich die furchtbaren Früchte seiner exzessiven Sünden- und Gnadenlehre: Da einerseits die Sünden unvermeidbar sind, andererseits der Sünder im Glauben durch die Gnade gerechtfertigt wird, sind selbst die größten Sünden irrelevant. Luther kann die Gläubigen sogar zu kräftigem Sündigen auffordern, wenn sie nur noch kräftiger glauben würden. Erasmus hatte mit seiner Schrift diesem zentralen Theorem Luthers den Boden entzogen und deshalb tobte der Wüterich:

„Ich will gegen ihn schreiben, sollt er gleich darüber sterben und verderben; den Satan will ich mit der Feder töten – wie ich Münzer getötet habe, dessen Blut auf meinem Hals liegt.“

Auch die Tötung der Wiedertäufer nahm er auf seinen Hals. In einer Denkschrift hatte er von den protestantischen Fürsten gefordert, Wiedertäufer zu verfolgen, einzukerkern und mit dem Galgen zu bestrafen.

Luther will Gottes Krieg führen, auch wenn die Welt in Scherben fällt

Luthers Gegenschrift "über den unfreien Willen" Luthers Gegenschrift „über den unfreien Willen“

In seiner Schrift „De servo arbitrio“ oder vom knechtischen Willen von 1525 zieht Luther alle Register seiner Beredsamkeit von Spott und Speien, Argumentation und Attacke. Er schreibe das Buch nur, weil Paulus befehle, „unnützen Schwätzern das Maul zu stopfen“. Dann verhöhnt er den Humanisten wegen dessen abwägender Argumentation. Luther hatte die erörternd-diskursive Methode der Scholastik längst hinter sich gelassen. Aus seiner Glaubensgewissheit heraus gab es für ihn nur eine Wahrheit – seine Wahrheit, die er mit Christi Wort und Wille gleichsetzte. Der Heilige Geist sei kein Skeptiker wie Erasmus. Deshalb  setze er auf ein klares Urteil, wenn auch gleich die ganze Welt in Unfrieden versinken, zu Trümmern gehen und in Scherben zerfallen würde. Über die Willens‑, Sünden- und Gnadenfrage hinaus griff Luther Erasmus’ Christusglauben vom Friedensbringer an: „Das Wort Gottes ist Krieg, ist Gift, ist Untergang“, doziert er martialisch. „Dieser Krieg ist unseres Herrgotts, der hat ihn durch seinen göttlich freien Willen erweckt und wird nicht damit aufhören, bis er alle Feinde seines Wortes zuschanden gemacht.“ Erasmus als Weichredner solle mit seinen gezierten Worten nicht an Problemen herumfingern, die nur von restlos gläubigen Tatmenschen entschieden werden könnten.

Niederträchtige Totschlag-Phantasien …

Aber auch mit dieser maßlos drohenden und dröhnenden Rede konnte sich Luther in seinem Eindreschen auf den Gegner nicht beruhigen. Keinen Anlass sollte er im weiteren Leben versäumen, um Erasmus mit fürchterliche Schmähungen und Verunglimpfungen zu überkübeln. Der Humanist wäre der „grimmigste Feind Christi“, er fluchte seinen Namen als Glaubensskeptiker, gottesschändlicher Ketzer oder gar Atheist. Luthers Hass steigerte sich zu niederträchtigen Gewaltphantasien:

„Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.“

Luthers Polemiken gegen seine akademischen und sonstigen Gegner werden von protestantischen Apologeten – auch von Frau Käßmann – vielfach unter dem Titel „derbe Sprache“ subsumiert, die damals angeblich „üblich“ gewesen wäre. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Mit der Kennzeichnung von sprachlicher Derbheit wird Luthers gelegentliche Vernichtungssprache verharmlosend gerechtfertigt. Und „üblich“ waren seine sprachlichen Exzesse auch nicht. Denn das städtische Bürgertum hatte sich im Spätmittelalter an den höfisch-gepflegten Sprach- und Umgangsformen von Adel und Ritterschaft orientiert. Erst die Raubritter des 15. Jahrhunderts und die Landsknechte der frühen Neuzeit brachten eine sprachliche Verrohung mit sich. An diesem kleinen gesellschaftlichen Sektor orientierte sich Luther bei seinen rüden sprachlichen Ausfällen.

Auch der protestantische Kirchenhistoriker und Lutherkenner Thomas Kaufmann gebraucht eine Verharmlosungssprache, wenn er Luthers maßlose Verteuflungen von Juden, Türken, Papisten, Schwärmer, Zigeuner und eben auch Humanisten mit dem farblosen Fremdwort „Invektiven“ zusammenfasst oder als „derbe sprachliche Mittel“ relativiert (ZEIT Geschichte 5/2016). Darüber hinaus will er Luthers „Kampfschriften“ aus der „agonalen Streitkultur der spätmittelalterlichen Universität“ ableiten, in der Luther sozialisiert worden war. Tatsächlich kann man etwa in seiner Streitschrift zum geknechteten Willen die scholastische Debattierkunst noch erkennen. Aber Luther verletzte eben die akademischen Spielregeln von Argumenten, Beweisen und Folgerungen, wenn er mit Schmähungen, Beleidigungen und Vernichtungsworten auf seine Gegenspieler einschlug. Das muss ihm als persönliche Niedertracht und unmoralisches Nachtreten angerechnet werden, was Luther aber in seinem Sündenstolz – wie oben gezeigt – nicht weiter störte.

… von einem stiernackigen Gottesbarbar

Wahrscheinlich von seinen Freunden angemahnt, schrieb Luther nach einiger Zeit einen beschwichtigenden Brief an den vorher Verfluchten – diesmal mit Scherzen und Schmeicheleien gewürzt. In seinem Antwortschreiben zeigte Erasmus, was den Unterschied ausmachte zwischen einem polemischen Hassredner und einem großmütigen und weitdenkenden Humanisten: Alle die persönlichen Beleidigungen, Lügen und Schmähungen seien ihm weniger wichtig. Ihn schmerze vielmehr das Ärgernis, dass Luther mit seinem „anmaßenden, schamlosen und aufrührerischen Verhalten“ den Frieden in der Kirche zerstört, die furchtbarsten Tumulte über Deutschland gebracht und die Welt in Spaltungen und Krieg geführt habe. Er machte den Reformator dafür verantwortlich, dass der Name Christi zum Feldruf geworden sei und das Evangelium gebraucht werde wie eine Streitaxt der Barbaren.

An dieses Urteil des humanistischen Zeitgenossen Luthers knüpfte ein anderer Humanist 400 Jahre später an. Thomas Mann sprach vom Reformator als „stiernackigem Gottesbarbar“, der alle die kriegerischen und spalterischen Folgen seines Handelns gewollt und auf seinen „gedrungenen Hals“ genommen habe. Luther hatte sicher auch andere Seiten. Aber der berserkerhafte Vernichtungswille „in Gottes Namen“ gegen Mitstreiter und Gegenredner, Beteiligte und Unbeteiligte zog sich wie ein grausam-blutiger Faden durch Luthers Leben – bis hin zu seinen antijudaistischen Spätschriften.

Literatur: Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Erstpublikation 1935, Neuauflage 2016

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

In nomine + Patris, et + Filii, et Spiritus + Sancti. Amen.

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Profunde Publikationen über Martin Luther – Widerspruch zur „offiziellen Geschichtsschreibung“
Nach zwei kritischen Büchern zu Martin Luther, die bereits auf dieser Seite besprochen wurden, nämlich Paul Hackers Das Ich im Glauben bei Martin Luther und Theobald Beers Der fröhliche Wechsel und Streit sei also nunmehr der neueste und ebenso qualitätsvolle Beitrag gegen das „offizielle“ Narrativ vorgestellt.

Der Ausgangspunkt des Autors ist folgender:

Der „Kampf mit Gott“ und das schlechte Gewissen

Kronbeck: Luthers Kampf mit Gott Kronbeck: Martin Luthers Kampf mit Gott

Martin Luther war mit Gott und mit sich nicht im Reinen. Daraus folgte alles andere.

Luther, „als Student ein lebenslustiger Bursche“ (13) und höchstwahrscheinlich Vater unehelicher Kinder (11), versuchte mit seinem Klostereintritt vor den juristischen und psychologischen Konsequenzen eines Vergehens zu fliehen, nämlich der Tötung eines Kommilitonen im (bei Todesstrafe verbotenen) Duell. Der Eintritt ins Kloster war somit nicht innerlich frei vollzogen und daher Anlaß zu großem Seelenleid. Um dieses herum baute Luther seine Theologie.

Sie bestand aus Selbstrechtfertigungen, Projektionen, Ausreden und Anklagen.

Hier kommen wir in eine Problematik, die heutzutage endemisch geworden ist, nämlich das Abwälzen eigener Schuld und die damit verbundenen Rationalisierungen und sonstigen Verrenkungen, die in weiterer Folge nach einer Rechtfertigung des Menschen an sich streben („Anthropodizee“):

„Luther wollte, wer könnte es ihm verargen, wieder frei sein, er wollte eine Schuld loswerden, die er wahrscheinlich nie als die eigene angenommen hat, und über die er nie zu einer echten Reue gekommen ist“ (18).

Um damit – vermeintlich – fertigzuwerden, leugnet Luther die Willensfreiheit und schreibt Gott die Alleinwirksamkeit für das menschliche Handeln, auch für das böse, zu. Damit gelangt er zu einer doppelten Prädestination (27) und einem grotesken Gottesbild (50).

Was in Zeiten einer massiven Islamisierung Europas die Willkürherrschaft Allahs begünstigen muß.

Luthers Problem mit dem Hauptgebot – und die Folgen

Was vielen nicht bewußt sein wird, ist, daß Luther, obwohl ein theoretischer Vertreter der Nächstenliebe, die Möglichkeit der Gottesliebe leugnet.

Dieser Mangel ist im Hauptstromprotestantismus, außerhalb des Pietismus, zu einem Charakteristikum geworden.

Kronbeck erläutert:

„Wie verkrüppelt die Grundstimmung seiner Seele war, zeigt das nachfolgende Zitat Luthers: ‚Maledicta sit humilitas‘ (WA I 181,21). ‚Maledicta sit caritas‘ (…) ‚Verflucht sei die Demut, verflucht sei die Liebe!‘. Folgerichtig kommt Paul Hacker zu dem Schluß, daß Luther in seiner geistlichen Entwicklung gescheitert ist“ (72).

Und da es sich bei dieser Weichenstellung nicht um akademische Spitzfindigkeiten handelt, folgten unfaßbare Exzesse, die in Kriege und Verfolgungen mündeten, Christenheit und Reich spalteten und den Vormarsch der Osmanen begünstigten (vgl. 39ff, 54). Zudem zerfiel die „Reformation“ in immer weitere Spaltungen. Da Luther die gesunde Philosophie bekämpft hat, bringen protestantische Autoren zwangsläufig widervernünftige Gedankenkonstrukte hervor (Kant, Hegel, Nietzsche u. a., 81).

An den Früchten erkennt man eben den Baum.

„Sola scriptura“?

Ein Mythos der „offiziellen“ Geschichtsschreibung ist die Bibelübersetzung Martin Luthers im Sinne einer Pioniertat:

„[Die] Aussage, Luther hätte den Deutschen die Bibel erst zugänglich gemacht, ist nicht korrekt. In den Jahren 1466 bis 1521 gab es nicht weniger als 14 hochdeutsche und 4 niederdeutsche Übersetzungen der Bibel. Übersetzungen, die nicht so willkürlich waren, und die wesentlich weniger philologische Mängel aufwiesen als die Übersetzung Luthers. Wenn Luther zudem sagt, daß allein die Heilige Schrift die Quelle des Glaubens ist, dann ist dieses Wort von Grund auf falsch: In der Bibel steht ausdrücklich geschrieben, wie wichtig die Tradition ist (2 Thess 2,15 und 3,6)“ (74).

Kronbeck ist in seiner Kritik an der Ideologie des Sola Scriptura, die evidenterweise einen Selbstwiderspruch darstellt, erfrischend:

„Die Parole ‚sola scriptura‘ ist verlogen, weil Luther die Bibel willkürlich liest, weil er sie willkürlich übersetzt und willkürlich auslegt“ (75).

Luther-Wahn unter katholischen Kirchenmännern

Karikatur von 1529

Karikatur von 1529

 

Kardinal Karl Lehmann äußerte in einem Interview im Februar dieses Jahres (98) die Hoffnung, daß Luther kirchlicherseits als „Zeuge des Evangeliums“, „gemeinsamer Lehrer“ und sogar „Vater im Glauben“ deklariert werden möge (was etwa der Linzer Bischof Manfred Scheuer schon 2016 und der Vatikan Anfang 2017 getan hatten).

Es ist schwer zu erklären, wie ein an sich hochgebildeter Kirchenmann auf eine solche Absurdität kommt:

„Wie kann man, selbst wenn man einige zweideutige und relativierende Worte einfügt, einen Mann, der so über Gott, Welt und Mensch gedacht hat, jemanden, der die allgemeine Tradition der Kirche, ihre Dogmen und Bräuche so von Grund auf verworfen hat, jemanden, der in sehr vielen Bereichen, ja in fast allen Grundfragen schon von den Prinzipien her von der immerwährenden Lehre der Kirche abgewichen ist, einen ‚Vater im Glauben‘ nennen? Man hat manchmal schon den Eindruck, die Begeisterung für Luther wachse proportional zur Unkenntnis dessen, was er wirklich gesagt und gelehrt hat“ (99).

Resümee

Kronbeck ist es gelungen, in einem dünnen Bändchen Luthers Ansatz und dessen Folgen verständlich und spannend darzustellen. Damit leistet er im „Luther-Jahr“ einen wichtigen Beitrag zu Entmythologisierung und Widerlegung Luthers.

Martin Luther Martin Luther, Anfang 17. Jhdt.

Eine 53 Titel umfassende Literaturliste, eine Übersicht über Luthers Lebensdaten und 112 Endnoten befestigen den Wert des Buches und leiten zu weiterer Vertiefung an. –

Leider läßt das Lektorat bei Sarto auch in diesem Fall zu wünschen übrig. Man hofft, daß eine allfällige und anstrebenswerte Neuauflage die Verschreibungen korrigieren wird.

Inhaltlich wird man dem Autor bei einer Neuauflage empfehlen können, auf die auf S. 50 genannte Jesaja-Paraphrase Ego sum, qui creo bonum et malum („Ich bin es, der das Gute und das Böse schafft“, nach Jes 45,7), die Luther zur Begründung seiner Lehren aus dem Gesamtzusammenhang des Glaubens riß, näher einzugehen. Diese Stelle war schon für den Häretiker Markion (gest. 150) ein Beleg, daß das Alte Testament und das Neue Testament zwei verschiedene Urheber hätten. Was Markion bedrängte, bedrängte offenbar auch Luther und wurde im Negativen geschichtsmächtig. Das sollte (auch wegen der Relevanz für die Theodizee) doch näher thematisiert werden. –

Der Band eignet sich aufgrund seiner schmalen Dimension und seines geringen Verkaufspreises sehr gut als Gabe für diejenigen, die sich für eine gründliche Widerlegung Luthers interessieren – oder interessieren sollten.

Der Rezensent dankt dem Autor für die freundliche Zusendung eines Exemplars und dem Verlag für die Beilegung eines Extra-Exemplars bei der Bestellung.

 

Franz Kronbeck, Martin Luthers Kampf mit Gott, Sarto, Bobingen 2017, 127 S.

*MMag. Wolfram Schrems, Wien, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, reiche Erfahrung im interkonfessionellen Gespräch

Lucerna corporis tui est oculus tuus. Si oculus tuus fuerit simplex, totum corpus tuum lucidum erit. Si autem oculus tuus fuerit nequam, totum corpus tuum tenebrosum erit. Evangelium Secundum Matthaeum 6, 22-23

In nomine + Patris, et + Filii, et Spiritus + Sancti. Amen.

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